Bürgerinitiative B 170 "Lebenswertes Erzgebirge - Heimat erhalten!"

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Transitstraße auf Abwegen

Während auf der B 170 wieder der Verkehr rollt, plant das Wirtschaftsministerium bereits eine neue Trasse
Von Steffen Klameth

Ein Gespenst geht um im "Holzäppelgebirge". Wie der nasskalte Novembernebel kriecht es durchs Tal und die Berge hinauf, dringt durch die Ritzen, lässt die Menschen erschauern, erhitzt die Gemüter. Das Gespenst hat einen Namen: neue B 170.

Leibhaftig haben es die Leute in Gestalt jener Männer gesehen, die mit seltsamen Gerätschaften die Wiesen und Felder abstecken: Vermessungsingenieure. Im Auftrag der Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) schlagen sie eine virtuelle Schneise von Dippoldiswalde bis kurz vor Altenberg - nicht im Tal, wo die Bundesstraße jetzt verläuft, sondern über einen Höhenrücken, wenige Kilometer östlich, vorbei an Elend, Nieder- und Oberfrauendorf, Dönschten, Falkenhain und Wald-idylle. Erst kurz vor Altenberg, an der zweiten Kurve der so genannten Baukahre, soll die neue Trasse wieder auf die alte treffen. Dort, wo die Welt auch nach der Flut im August noch in Ordnung war, weil die Rote Weißeritz an dieser Stelle weit genug von der Straße entfernt ist.

"Nach der Hochwasserkatastrophe haben wir geprüft, ob die B 170 aus dem Gefährdungsbereich des Flusses herausverlegt werden kann", erklärt der Sprecher des Sächsischen Wirtschaftsministeriums, Burkhard Zscheischler. Dabei sei man auf Pläne aus den Jahren 1938/40 gestoßen, die jedoch nie verwirklicht wurden - vermutlich wegen Geldmangels. Und jetzt soll plötzlich das Geld da sein? "Im Moment gehen wir von Kosten in Höhe von 25 Millionen Euro aus, verglichen mit anderen Straßenbauten ein regelrechtes Schnäppchen", meint Zscheischler. Schließlich benötige man weder Brücken noch Überholspuren, außerdem könne die Alte Dresdner Straße - im Volksmund "Hochwaldstraße" genannt - genutzt werden.

"Eine Katastrophe für die Region"

Hans John hat die Gerüchte vernommen. Der Wirt hat die Vermesser von seinem Gasthof in Falkenhain aus sogar beobachtet. Und er hat die Pläne in der Zeitung gesehen. Aber eine rechte Meinung hat er sich noch nicht gebildet. "Wär ' ja nicht schlecht, wenn ein paar Autos mehr bei uns halten würden", sinniert er. Andererseits: "Die Träume vom Feriendorf kann Falkenhain dann begraben." Denn eine Bundesstraße bringt Lärm, Dreck, Gestank. Erst recht, wenn sie eine Transitstrecke ist und von mehreren Tausend Lkws genutzt wird.

Gar keine guten Seiten kann dagegen Jens Weber der neuen Trasse abgewinnen. "Für die Region wäre das eine Katastrophe", sagt der Mann, der sich in der Grünen Liga engagiert. "Zusammen mit der Autobahn nach Prag, der alten und der neuen B 170 haben wir dann drei Transitstrecken - das Osterzgebirge wird zur reinen Fernverkehrsroute." Weber kennt die Gegend, wo jetzt die Vermesser das Terrain abschreiten, wie seine Westentasche. Und er ahnt, dass die Menschen in den angrenzenden Dörfern aufschreien werden, sobald das Projekt konkrete Züge annimmt. Den Umweltschützern reicht schon, was sie bisher wissen. Demnach handele es sich bei der geplanten Trasse um ein hochsensibles Gebiet mit Flächendenkmalen, Biotopen und zwei potenziellen Naturschutzgebieten. Weber: "Der Hochwald ist wichtig für die Migration von Wildtieren, auf der Mayenburgwiese bei Falkenhain wächst eine seltene Orchideenart, auf der Bekassinenwiese findet man Arnika und Fieberklee, in der Nähe entspringt der Schilfbach ..."

Genau vor diesen Bedenken graust es den Verkehrsplanern im Wirtschaftsministerium. Denn die neue Straße soll nicht nur billig, sondern auch schnell gebaut werden. "Die Trasse könnte Ende 2004 fertig sein", sagt Sprecher Zscheischler. Zu diesem Zwecke solle das Planungsverfahren vereinfacht werden. Ohne die Zustimmung von Anwohnern und Umweltschützern, Gemeinden und Forstverwaltung - so viel ist klar - geht aber auch da nichts. Zscheischler: "Wenn nicht alle an einem Strang ziehen, können wir das Ganze vergessen."

Stollen im Regal und Büro ohne Möbel

Unten, im Tal, rollt der Verkehr unterdessen wieder ohne Umleitung Richtung Grenze bzw. Dresden. Aber was heißt hier rollen: Immer wieder heißt es anhalten, weil eine mobile Ampel auf "Rot" steht oder rot-weiße Warnbaken die Fahrbahn auf eine Spur einengen. "Das Wichtigste ist, dass man wieder durchfahren kann", meint Wilfried Ziegs. Der Besitzer der "Riedelmühle" in Waldbärenburg hat in den Monaten nach der Flut eine wahre Durststrecke durchlebt; jetzt läuft das Geschäft wieder langsam an. Die Schattenseite: Weil die Flut den Parkplatz der Gemeinde gleich nebenan zerstört hat, stellen alle Besucher ihre Autos jetzt auf dem kleinen Platz an der "Riedelmühle" ab - und deren Besucher haben das Nachsehen.

Auch bei den anderen Gastwirten und Händlern entlang der Bundesstraße kehrt die Normalität zurück. Normalität heißt in diesen Tagen: Vorbereitung auf das Weihnachtsgeschäft. Beim "Müller-Bäcker" in Obercarsdorf liegen längst die Stollen im Regal, während im Büro noch die Möbel fehlen. "Das muss bis zum neuen Jahr warten", sagt Thomas Müller. Genauso wie die Anträge auf Spenden, für die er im Moment einfach keine Zeit hat. Der Bäckermeister schaut müde drein, das Hochwasser und die ganze zusätzliche Arbeit haben an den Kräften gezehrt. Und nun noch diese Gerüchte von der Verlegung der B 170. Müller: "Wenn die Urlauber und Wintersportler nicht mehr kommen, würde uns das treffen. Nur die Lkws vermisst hier keiner."

(Sächsische Zeitung, 29. 11.02)

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