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Huckepack nach Tschechien

Solange die Bundesstraße B 170 gesperrt ist, fahren Lastwagen gern mit dem Zug über die Grenze
Von Heike Markus

Früher hat Radek Krinert an Montagvormittagen seinen Lkw auf der Bundesstraße gen Tschechien gesteuert. Jetzt sitzt er im Warteraum am Güterbahnhof Friedrichstraße, trinkt Automatenkaffee und wartet auf den Zug. Die Kaffeepause in Dresden ist für den Fernfahrer eine echte Flutfolge: Seit der Grenzübergang Zinnwald für den Transitverkehr geschlossen ist, lässt Krinerts Spedition ihre Lkws auf die rollende Landstraße (Rola) verladen. Die fährt alle zwei Stunden in Form von 23 Niederflurwagen und einer Lokomotive von Friedrichstadt nach Lovosice.

An diesem Montagmorgen hoppelt Radek Krinerts schmutzig-weißer Silo-Transporter als zweiter über die Rampe auf den Zug. Sieben Kollegen folgen in dichtem Abstand. Dann steigen alle aus ihren Führerhäuschen und laufen, mit Decken und Kopfkissen in der Hand, zu einem Personen-Waggon. Der wird später an die Rola angehängt und befördert die schlafenden Fahrer über die Grenze. Seit September sind Liege- und Niederflurwagen gut belegt: Lag die Auslastung vor dem Elbehochwasser nur bei etwa 68 Prozent, kann die Bahn jetzt über 80 Prozent ihrer Transport-Waggons mit Lkws füllen. Zwar nörgeln Spediteure nach wie vor über lange Wartezeiten vor der Abfahrt. Trotzdem nehmen sie die Rola-Nachteile jetzt gern in Kauf. Denn die 70 Euro für eine Bahnfahrt nach Lovosice rechnen sich, seit die Zinnwalder Grenze geschlossen ist. Da Zeit im Speditionsgeschäft Geld bedeutet, wird die Umfahrung der B 170 teuer.

Den Zusammenhang zwischen Zeit und Geld hat auch die Bahn erkannt und die Fahrt nach Tschechien um fünf bis zehn Minuten verkürzt. Seit gestern muss der Zug an der Grenze nicht mehr zum Lokführer-Wechsel anhalten. Jetzt schafft die Rola die 111 Kilometer von Dresden nach Lovosice in gut drei Stunden.

„Die Rola ist ein politisches Problem“

Trotz Beschleunigung und neuer Flutkunden bleibt die Rola für die Bahn ein „Mitläuferverkehr“. So nennt der Leiter von DB Cargo in Halle, Günther Behringer, das Fuhrprojekt. Zwar betont der Bahn-Manager, dass sein Herz durchaus an der Rola hänge. Doch viel mehr scheint sein Herz an den Geschäften zu hängen, die der Bahn Gewinn einfahren. Das ist vor allem der Güterverkehr auf echten Fernstrecken. Die Lastwagen auf Gleisen bleiben ein Zuschussgeschäft. Im vergangenen Jahr pumpte der Freistaat Sachsen 4,7 Millionen Euro in die rollende Landstraße, Tschechien tat noch einmal die Hälfte dazu. „Die Rola ist ein finanzielles und ein politisches Problem“, sagt Günther Behringer. Bis 2005 werde die Bahn ein zuverlässiger Vertragspartner sein. Und danach?

Die Vertreter der Landesregierung machen eine komplizierte Rechnung auf. Sie berücksichtigt Umweltschäden, Wartezeiten und vermiedene Unfälle auf der Straße. Heraus kommt für die Rola ein Kosten-Nutzen-Faktor von 1,33. Das bedeutet: Für jeden Euro, der in das Fuhrunternehmen gesteckt wird, kommt ein Drittel Euro als Plus heraus. „Allerdings klingelt dieses Geld bei niemandem in der Kasse“ sagt Michael Schönig vom Referat für Eisenbahnverkehr beim sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit. Schließlich könne man die Kosten eines vermiedenen Unfalls auf der B 170 schlecht als Gewinn verbuchen. Für den Verkehrs-Experten ist klar: Mit dem Bau der Autobahn A 17 endet die staatliche Rola-Förderung. „Wer die Rola dann weiterführen will, kann das natürlich machen. Aber dann muss er kostendeckende Preise verlangen. Und dann erledigt sich das von selbst.“

Dabei wird die Rola vielleicht schon im kommenden Jahr mit Einschränkungen leben müssen. Von Ende 2003 an werden Gleise und Dämme auf der Strecke zwischen Pirna und Schöna saniert. Die Baupläne liegen schon seit längerem bereit. Jetzt hat die Bahn das aufwendige Projekt vorgezogen, um Flutschäden und Ausbau gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Mit 160 Kilometern in der Stunde sollen die Züge über die sanierten Gleise brausen. Welche Folgen die Arbeiten für den Zugverkehr auf der Strecke nach Tschechien haben, ist noch nicht abzusehen.

Der tschechische Fernfahrer Radek Krinert muss sich um mögliche Gleissperrungen allerdings keine Sorgen machen: Sobald die B 170 wieder befahrbar ist, wird er mit seinem Lkws auf die Straße wechseln. „Das geht einfach schneller.“

Sächsische Zeitung, Dienstag, 17. Dezember 2002

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