Bürgerinitiative B 170 "Lebenswertes Erzgebirge - Heimat erhalten!"

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Stau auf der B 170

„Die kacheln jetzt hier runter“
Die Lkw-Maut spült zwar Geld in die Kassen, aber auch den Verkehr auf die Bundesstraßen. Um zu sparen, fahren viele Laster auf Ausweichstrecken.


Hinterm Haus rauscht das Wasser der Weißeritz. Vorn rauscht der Verkehr. Er ist um einiges heftiger und lauter als der Gebirgsfluss. „Ohne Schallschutzfenster ginge es gar nicht“, sagt Ilka Hickmann. Die junge, aufgeweckte Frau hat im Haus eine Physiotherapie-Praxis aufgemacht. An der Fassade des Eckgebäudes im Kurort Kipsdorf prangt zwar noch die Aufschrift: „Pension Taleck“. Aber von den einst elf Betten sind noch ganze fünf übrig, Touristen sind rar. Nicht wegen der Gegend – die ist schön. Sondern wegen des Verkehrs auf der Bundesstraße 170 – der ist grausam.

Die Rechnung von Ilka Hickmann ist simpel: „Je mehr Lkw, desto weniger Gäste.“ Trübe Aussichten für die Pension. Werbung mache sie schon gar nicht mehr, das lohne nicht. Mit Jahresbeginn habe die Zahl der Laster noch einmal zugenommen. „Es sind auf jeden Fall mehr“, sagt Ilka Hoffmann im Brustton der Überzeugung. Lebensgefährlich sei das, meint die Mutter zweier Kinder. Selbst an der Fußgängerampel würden die Laster mitunter bei Rot drüber brettern.

„Mehr als mehr“, sei es geworden seit Jahresanfang mit den Lkw, sagt auch Maria Thomas in Obercarsdorf. Die 56-Jährige hat den Umzug im eigenen Haus eigentlich schon lange hinter sich. Schlafzimmer und Kinderzimmer kamen nach hinten raus, als der Verkehr auf der B 170 schon vor vielen Jahren explodierte. Nun muss sie wieder umziehen, diesmal mit ihrer Sitzecke. Nur der Gartentisch liegt – Beine hoch – auf der Hollywoodschaukel. Maria Thomas will vor ihrem Reihenhaus mit Blick auf die Bundesstraße nicht mehr Platz nehmen. Dumm, dass die Sonne nachmittags ausgerechnet vorn reinscheint.

Die Maut – so sagen die Anwohner – bringe noch mehr Laster zu ihnen. Sie umfahren das bundesdeutsche Autobahnnetz weiträumig über Tschechien. Dann geht es über Zinnwald nach Deutschland und schließlich durch Obercarsdorf und Ulberndorf zur Autobahn bei Dresden. „Wenn wir nach Bayern fahren, dann doch auch durch Tschechien“, sagt Maria Thomas.

Vor allem Tschechen kommen die B 170 herunter, ein paar Ungarn und Österreicher, wenige Deutsche. Sie kommen einzeln oder im Pulk, drei, vier oder fünf Laster hintereinander. Vor allem aber: Sie kommen ständig. Tag und Nacht. Nur am Sonntag ist es etwas ruhiger. Die Zeiten, als die Osteuropäer mit keuchenden Liaz-Lkw die Berge hinaufkrochen, sind lange vorbei. Mercedes und Daf, Iveco und Man, Volvo und Scania – Sattelschlepper, Hänger, Tieflader, Kesselauflieger. Es ist ein Dröhnen und Sirren, Röhren und Donnern. Der Ansturm ist so gewaltig, dass die Grenze ihn an diesem Tag nicht bewältigt – Polizisten stauen die Laster in den Spitzkehren nach Altenburg hinauf – 98 Stück hintereinander aufgereiht. „Heute ist es noch ruhig“, sagt Maria Thomas zu dem Tohuwabohu. Sie hofft ja, dass die Bundesstraße Mautstrecke wird – nicht, dass es dann besser würde. Vielleicht nur nicht noch schlimmer. Das sächsische Wirtschaftsministerium zählt die Lastkraftwagen. „Ja“, sagt Maria Thomas und lacht auf, „gezählt haben die schon immer.“ Nur passiert ist nie etwas.

Diesmal hat Sachsens Verkehrsminister die B 170 schon aufgeschrieben, als potenzielle Mautstrecke. Aber erst wenn die Autobahn fertig ist, kann darüber befunden werden. Und Maria Thomas hat möglicherweise Recht mit ihrer Befürchtung, dass eine Maut auf Bundesstraßen auch kein Allheilmittel ist. „Es gibt Ausweichverkehr“, räumt etwa Michael Lohse ein, Präsident des Landesverbandes des sächsischen Verkehrsgewerbes und selbst Spediteur. Wer früher mal schnell von Chemnitz Ost nach Nord wollte, schwenkte über die Autobahn. Heute natürlich nicht mehr. 80 Prozent des Lkw-Verkehrs finde im Umkreis bis 150 Kilometer statt. Da werden natürlich auch Staatsstraßen, Landstraßen, Kreisstraßen, Gemeindestraßen, selbst Einbahnstraßen genutzt. Aber wer nach Zeit fährt, sagt Lohse – und das seien vor allem die deutschen Spediteure – könne sich ein ewiges Gezuckel über Land gar nicht leisten. „Wir rechnen auf der Autobahn mit 60 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit“, so Lohse. Auf Bundesstraßen sind es noch ganze 27 Stundenkilometer. Auf der B 170 mit den Gebirgsstrecken vielleicht noch weniger. Aber die Straße ist ein Nadelöhr – der Verkehrsstrom ist seit der EU-Erweiterung noch einmal mächtig angeschwollen. Die Anwohner haben opponiert, demonstriert, nicht wenige resigniert.

„Eine Maut hier auf der Bundesstraße wäre schon gut“, sagt Michael Becker. Mit skeptischem Unterton. Er sitzt vor seinem Haus in Ulberndorf. „Nicht an der frischen Luft, aber in der Sonne“, wie der 41-Jährige meint. „Das geht hier seit 15 Jahren. Und die reden nur alle geschwollen“, lautet sein Fazit der bisherigen Verkehrspolitik.

Ganze 44 Cent bis zur Grenze

„Gutes Essen, kleine Preise“ wirbt die Imbissstube bei Bischofswerda. Das hat den Fahrer aus Gütersloh angelockt. Türen liefert er mit seinem Sattelzug in der Region entlang der B 6 aus, wegen der Imbissstube hat er die Autobahn schon etwas eher verlassen und röhrt über die Landstraße. Aber nicht, um Maut zu sparen. Der Mann fährt im Werkverkehr – angestellt bei seiner Türenfirma. Und die Lkw seien die Lieblinge vom Chef, da wird nicht gespart. „Da hast du ja einen Fünfer im Lotto“, sagt ein anderer Trucker neidisch. Er fährt einen schweren Kipper, und die beiden fachsimpeln über die Vorzüge von Mercedes-Zugmaschinen. „Es ist mehr Verkehr auf der B 6 geworden“, sagt der Kipperfahrer, während er seinen heißen Kaffee schlürft. Er kennt einen, der muss immer von Bischofswerda nach Görlitz. „Der macht jetzt über Land und spart Diesel und Maut. Dafür schafft er aber auch ‘ne Runde weniger am Tag.“ Die beiden haben von Dispatchern in Speditionen gehört, die knallhart kalkulieren und auch ausprobieren. Jede Auffahrt später spart Geld. Kostet aber meist auch Zeit. Die Deutschen hätten oft schon Anschluss-Touren, meint der Kipperfahrer. Osteuropäer aber könnten bislang nur liefern, innerhalb Deutschlands aber keine Touren übernehmen und stehen deshalb nicht so unter Zeitdruck. „Für die lohnt das eher.“

„Vorwärts einparken“ bittet ein Schild in Stiebitz bei Bautzen um Schutz der Anwohner. Keine zehn Meter davon entfernt ruckt die Fahrzeugschlange an der Baustellenampel an. Die Luft flimmert über den Auspuffrohren. „Die fahren von Salzenforst aus alles Landstraße“, sagt ein Mann und schwenkt eine Gartenhacke, mit der er gerade seinen Vorgarten bearbeitet, in Richtung der Lkw. „Die Regierung wollte einen Sack zumachen und hat einen anderen aufgemacht“, sagt er auf die Frage, ob mehr Lkw an seinem Haus vorbeidonnern. „Keine Frage, mehr Lkw“, sagt auch die junge Frau aus der Aral-Tankstelle. Nicht nur auf der B 6, die sie im Blick hat. Auch auf der B 96, wo ihre Eltern wohnen, würden jetzt mehr Laster fahren. Statt auf der Autobahn gehe es über Land bis Berlin hinauf. In der Tankstelle steht ein Terminal von Toll Collect. Hier buchen Lkw-Fahrer ihre Maut-Strecke ein. „Die fahren B 6, dann erst Kodersdorf drauf und nach Polen. Kostet noch 44 Cent“, hat die Tankstellen-Bedienung beobachtet. „Die kacheln jetzt hier runter“, sagt der Imbissbuden-Besitzer und fuchtelt mit der Wurstzange nach dem Pulk tschechischer Lkw, die an seinem Stand in Hochkirch vorbeirauschen. Sie haben es nicht eilig, auf den kostspieligen Asphalt zu kommen – fahren also Landstraße bis Bautzen.

In Reichenbach, nach dem Abzweig gen Tschechien, ist es ruhiger. Zwei Frauen stehen am Straßenrand, die eine schippt Dreck in einem Eimer, den ein Laster in der Kurve verloren hat. Sie sind nicht in Lebensgefahr – um die Mittagszeit hält sich der Verkehr hier in Grenzen. Sie sei aber froh, nach hinten raus zu schlafen, meint die eine. Der Verkehr habe zugenommen seit der Mauteinführung, da sind sich beide einig. So schlimm wie damals ohne die Autobahn sei es jedoch nicht. Sie hoffen sogar, dass es bald noch ruhiger wird. Nicht, weil die Maut auch auf bestimmte Bundesstraßen ausgedehnt werden kann. Sondern, weil die Ortsumgehung fertig werden soll.

Von Frank Tausch, Sächsische Zeitung 02. 05. 2005

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